Donnerstag, 16. Mai 2013

Dark Dark Dark, Wiesbaden, 14.05.13

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Konzert: Dark Dark Dark mit Support North America
Ort: Kulturpalast in Wiesbaden
Datum: 14. Mai 2013
Zuschauer: etwa 80
Dauer: 30 min + 70 min



Würde ich einmal zu Desert Island discs eingeladen, wäre wohl unverzichtbar Without you eine der 10 von mir dort präsentierten Scheiben (Scheiben = Singles, das Album Who needs who als ganzes dürfte ich nach den Spielregeln leider nicht vorschlagen). Dafür gäbe es mehrere gute Gründe, die ich aber nur mit Kirsty Young teilen möchte... 

Die Musik von Dark Dark Dark liebe ich schon lange heiß und innig und seit ich sie im Frühjahr 2012 in Paris und Frankfurt auch endlich live erlebt hatte, hatten die Musiker als Personen mein Herz erobert. Klar, dass ich das neue Album im Spätsommer 2012 vorab bestellt habe und auf die Herbsttour gespannt wie ein Flitzebogen war. Blöd, dass der einzige Termin in Strasbourg einfach nicht klappen wollte.


Als nun in der aktuellen Tour der einzige deutsche Termin (neben Zagreb, Wien, Budapest, Novi Sad, italienischen und französischen Stops) in Wiesbaden bekannt wurde, habe ich mir das in den Kalender geschrieben und mir geschworen, dass wir uns diesmal wiedersehen. Es wurde dann doch alles etwas schwieriger als man sich das wünscht. Am Dienstag Morgen bin ich zwar in den Zug gestiegen, aber der fuhr nach Süden und nicht Richtung Frankfurt. Abends den Termin zu schaffen würde echt knapp und vorher musste ich auch noch im Hotel vorbei, da die Rezeption nach dem Konzert nicht besetzt sein würde. Falls die Bahn auch nur einen Fehler machen würde, müsste ich darauf vertrauen, dass mir der Support noch etwas Zeit verschafft.




Aber dann lachte die Sonne und alles klappte wie am Schnürchen. Das Venue war einladend und freundlich und Walt McClements lief mir gleich in die Arme... Ganz pünktlich 21 Uhr begannen North America ihr Set. Zwei Musiker an Schlagzeug und Gitarre. Es war eine ziemlich interessante Mischung von psychedelischen Klängen und Rhythmus, der mich nicht ruhig stehen ließ. Der Schlagzeuger und der Gitarrist hielten ein Zwiegespräch vor unseren Augen. Wir durften zwar keine Meinung beitragen, aber teilhaben an dem Austausch. Das kam ganz gut an beim Publikum und passte für mich (rational betrachtet ein bisschen seltsamerweise finde ich) gut zu Dark Dark Dark.



Im Anschluss wurde relativ fix umgebaut und Dark Dark Dark ließen sich nicht lange bitten, ihre Musik zu präsentieren.  Wieder als fünf Personen mit den für mich von den Konzerten im Frühjahr 2012 gewohnten Gesichtern. Und diesmal stand nur etwa einen Meter vor Nona Marie Invie, konnte ihr ganz genau auf die Hände schauen.



Das Set Begann mit It's a secret vom aktuellen Album ganz nach meinem Geschmack und auch mein Lied für die Insel war schon ganz zu Beginn dabei. Dafür verließ Nona ihren Platz hinter dem Keyboard. Am bewegendsten wohl trotzdem wieder der jubelnde Moment wenn Walt McClements Trompete und Akkordeon gleichzeitig spielt.


Die meiste Zeit konnte ich auch sehr gut beobachten, was hinten am Schlagzeug geschah und fand die Arbeit von Mark Trecka einfach bewundernswert. Am für mich am weitesten entfernten Punkt stand Marshall LaCount und spielte Banjo und Klarinette als personifiziertes Understatement. Der Mann am Bass Adam Wozniak war für mich die meiste Zeit etwas im Hintergrund und wirkte sehr konzentriert und zurückgenommen. 

Im Publikum waren wohl viele Leute extra für diese Band gekommen. Man hatte es schon vor Beginn in den Gesprächen und an der vorfreudigen Stimmung gespürt. Und so wurde die Musik auch ordentlich mit Applaus bedacht. 


 

Es war ein bisschen schade, dass in der Aussteuerung der Musik, die Stimmen insgesamt etwas unwichtig eingestuft worden sind. 

Von den männlichen Backvocals hörte ich fast gar nichts und Nona, die ja mit ihrer Stimme den prägenden Aspekt der Musik setzt, war nur in ganz ruhigen Nummern einigermaßen adäquat zu hören.



Im dritten Teil des Abends gab es ausführlich Gelegenheit, alle Bandmitglieder zu treffen und zu sprechen. Es wurden viele CDs und Platten verkauft und signiert. Außerdem konnte ich selbst auch ein kleines Schwätzchen halten mit den Musikliebhabern aus der Wiesbadener Ecke, mit denen ich meist nur virtuell verkehre.





Setlist Dark Dark Dark:
It's a secret
The great mistake
Without you
What I needed
How it went down
Hear me
Wild go
Daydreaming
Joe (last time I saw)
Tell me
Love lies

New song
Running up that hill (Kate Bush cover) 




Aus unserem Archiv: Berichte von Oliver

Dark Dark Dark, Paris, 10.11.2010
Dark Dark Dark, Paris, 24.03.2011 
Dark Dark Dark, Paris, 03.05.2011
Dark Dark Dark, Paris, 20.06.2011
Dark Dark Dark, Paris, 20.03.2012
Dark Dark Dark, Frankfurt, 15.04.2012 (Christoph)
Dark Dark Dark, Frankfurt, 15.04.2012 (Gudrun)



Schöftland, Karlsruhe, 15.05.13

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Konzert: Schöftland
Ort: Café Dom in Karlsruhe
Datum: 15. Mai 2013
Zuschauer: 5 bis 10 (im zeitlichen Verlauf strikt ansteigend)
Dauer: 75 min

 

Ja-Sager sein hat ja so ein Geschmäckle. Das sind die Leute, die alles machen wie es alle machen, weil es alle so machen. Heute stehe ich noch etwas fassunglos neben mir und bin gleichzeitig komplett beglückt wie seit langem nicht. Dabei musste ich nur "Ja" sagen. In diesem Fall zum Vorschlag von Mario aus Dresden, mich in die Schöftland geht den Bach runter Tour einzubringen. Die Schweizer Band Schöftland plante eine Tour, die in den Stationen dem Verlauf des Rheins folgt.


Ich fragte verschiedene Venues in Karlsruhe an, ob sie in der geplanten Zeit im Mai der Band eine Bühne geben möchten. Da schob sich aber leider nix zusammen. Als Ausweich hatte ich schon mein Wohnzimmer ins Gespräch gebracht, da kam die Nachricht der Band - es klappt im Café Dom, aber meine Einladung würden sie trotzdem gern annehmen. So geschah es, dass ich am 15. Mai abends die ganze Truppe um meinen Tisch versammelt fand, nämlich

Stefan Rolli (er bediente später Baritonsaxofon und Synthesizer)
Floh von Grünigen (verantwortlich für Gesang, Gitarre, Harmonium)
Kaspar von Grünigen (der Basser)
Sascha Mathys (im Boot mit Gitarre und Gesang)

Patrik Zosso (Herr über Trommeln und anderes Schlagwerk) .

 

Und dass ich - Ehrensache!! - beim Konzert dabei sein würde. Mein erstes Mal im Café Dom. Dass sich einerseits wirklich aus tolle Location empfiehlt (schöner Raum, schöne Bühne, gute Größe, gute Lage) aber andererseits wohl trotzdem nicht zu meinen Lieblingsorten in Karlsruhe aufsteigen wird (komische Musikberieselung und lasche Raucherregelungen).


Etwas erschüttert war ich, als ich ankam und einziger Zuhörer war (neben dem Mann an der Bar und einer Freundin von ihm). Nach etwas warten hatten sich noch zwei Freunde der Band eingefunden und wir standen uns nun sozusagen spiegelbildlich gegenüber: fünf Mann auf der Bühne, fünf im Publikum. Was dem eigentlichen Konzerterlebnis keinen Abbruch tat. 


Hier wurden Texte geboten, wo ich mich mit schöner Regelmäßigkeit dafür selbst ohrfeigte, keinen Zettel und Stift dabei zu haben um schnell die eine oder andere Zeile für den Bericht zu notieren. Dazu Musik, die sich für mich schlecht in Schubladen einsortieren lässt. Eine solide Stütze vom Schlagzeug (nicht zu laut, zwischen Druck und filigran alles dabei), ein brummelndes Saxophon, 



dass fast für mich fast körperlich spürbar war, abgefahrene Synthieklänge bis hin zum wilden Krach und dazwischen der Aufmerksamkeit bindende Sänger (meist mit Gitarre) Floh. Eigentlich der nette Typ von nebenan, bei dem ich mir jederzeit Mehl und Eier borgen gehen würde - dem ich meine Enkelkinder unbesehen zum Spielplatz mitgäbe.



Aber was er ausspricht bzw.  singt, das ist zwischen Kopfnicken (gut beobachtet, schön ausgedrückt - könnte ich das doch nur auch so sagen) und um einen Hauch verdreht so, dass es einem in Hals stecken bleibt und man sich derbe dran verschluckt: z.B.

Was dich nicht stärker macht, bringt dich um.

Oh, welcher Assoziationsraum sich da in mir öffnet und mich mitnimmt an Abgründe, um die ich sonst lieber einen großen Bogen lasse.



Das Publikum klatschte für 20. Die Wiedergekommenen, die zufällig anwesenden (es kommen später noch welche von der Straße dazu) und ich wussten die Qualität dessen zu schätzen, was hier geboten wurde. Das war keine Hausmannskost, das war Ohren-und-Herz-Gourmetfutter, an dem wir noch lange verdauen werden.


Dank wahrgenommener CD-Erwerbsmöglichkeit noch länger und noch anders. Denn das Artwork des Tonträgers ist nicht nur Textspeicher sondern enthält auch Bilder zum Ton.

Gesamturteil von meiner Seite also ganz eindeutig: besonders empfehlenswertes Livererlebnis. Alle in einer hinreichend kleinen Entfernung zum Rhein wohnenden Menschen sollten diese Chance nicht ungenutzt verstreichen lassen. Und nett sind sie dann obendrauf auch noch...




Weitere Tourdaten:
Do 16.05.  Kreativfabrik, Wiesbaden  21.00 Uhr
Fr 17.05.  Bla, Bonn |21.00 Uhr
Mi 22.05.  Lichtung, Köln  21.00 Uhr (Spezialgast: Tulp solo)
Do 23.05.  Düsseldorf  21.00 Uhr
Fr 24.05.  Haldern Pop Bar, Rees  21.00 Uhr
Sa 25.05.  Room Rotterdam, Rotterdam  21.00 Uhr



Mittwoch, 15. Mai 2013

Konzertankündigung Scout Niblett

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Konzertankündigung Scout Niblett
Orte & Daten: siehe unten

Scout Niblett geht mit neuem Album* im Gepäck auf große Tour durch Europa. Wer die (im guten Sinne) verrückte Wahlamerikanerin schon einmal live gesehen hat, weiß, wie toll ihre Shows sind! Da muss man dabei sein. Sonst ist man ein Frosch! Oder ein Unmensch. Hin da, los!


31.05.2013 Mannheim (DE), Maifeld Derby Festival
01.06.2013 Hamburg (DE), Kampnagel (w/ Ólöf Arnalds) 
03.06.2013 Berlin (DE), Volksbühne (w/ Ólöf Arnalds) 
04.06.2013 Duisburg (DE), Steinbruch 
05.06.2013 Schorndorf (DE), Manufaktur 
06.06.2013 Brussels (BE), Botanique 
08.06.2013 Paris (FR), Point Ephemere (Radio Campus Anniversary) 09.06.2013 Köln (DE) Museum Ludwig 
11.06.2013 München (DE), Strom 
12.06.2013 Wien (AT), Chelsea 
13.06.2013 Graz (AT), Postgarage 
14.06.2013 Innsbruck (AT), Bäckerei 
15.06.2013 Luzern (CH), B-Sides Festival 
17.06.2013 Lille (FR), La Péniche 
18.06.2013 London (UK), Corsica Studios 
19.06.2013 Cardiff (UK), Buffalo Bar 
20.06.2013 Leeds (UK), Brudenell Social Club 
21.06.2013 Glasgow (UK), Broadcast 
22.06.2013 Brighton (UK), Sticky Mike’s 
24.06.2013 Jena (DE), Cafe Wagner 
25.06.2013 Copenhagen (Denmark), Loppen 
26.06.2013 Stockholm (SE), Lilla Hotellbaren 
27.06.2013 Oslo (NO), Gut Feelings Festival 
28.06.2013 Bergen (Norway), Landmark 

*dufte Review auf dem Klienicum,

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Veronica Falls & Dirty Beaches, Brüssel, 14.05.13

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Konzert: Veronica Falls & Dirty Beaches
Ort: Ancienne Belgique, Brüssel
Datum: 14.05.2013
Zuschauer: 300 vielleicht
Dauer: Veronica Falls 50 min, Dirty Beaches knapp 45 min


"Fütter' mein Ego! Fütter' mein Ego! Fütter' mein Ego! Yü-Gung kann Berge versetzen. Und alles ist wichtig!" 

Ich bin kein großer Kenner (und Fan) der Einstürzenden Neubauten, Yü-Gung, dieses großartige Krach-Lied gehörte aber zum festen Repertoire der Indiedisco und fundamental zu meiner musikalischen Sozialisation. Während des Auftritts der Dirty Beaches erinnerte mich das erste Stück so sehr an dieses Lied, daß es mich seitdem wieder einmal als Ohrwurm verfolgt. Alex Zhang Hungtai, der Mann hinter Dirty Beaches, hat sicherlich viel mehr Einstürzende Neubauten als ich gehört. sein Schrei-Gesang und die Rhythmen dieses Lieds klangen zu sehr nach der Blaupause, daß es ein Zufall sein könnte. Aber es gibt ja sicherlich schlechterer Orientierungen. Das zweite Lied klang nach einem Mantra, das Alex vor sich hinmurmelte. Dann gab es einen Song, der hauptsächlich aus Hubschraubergeräuschen bestand, einen der Sleeper in Metropolis zitierte und ein nur-Gitarren Cover eines Singer/Songwriters, das ich nicht erkannt habe.

Auf der Bühne standen neben dem sich ständig bewegenden Sänger ein Keyboarder in Lederjacke und ein Schlagzeuger, der meist mit einem Stick auf ein elektronisches Drumpad einschlug und wie Konzertnachbar Frank richtig feststellte sich damit für einen Einsatz bei Kraftwerk bewerben könnte. Während Alex und der Schlagzeuger für das letzte Stück - das Cover ("I'm blind... the devil's hand...") - Gitarren umschnallten und sphärische Töne erzeugten, drehte sich der arbeitslos Keyboarder scheinbar extrem gelangweilt um und stand regungslos mit dem Rücken zum Publikum.

Klingt scheußlich? Das war es absolut nicht. Dirty Beaches sind keine Band, die ich mir jemals auf Platte anhören werde, der Auftritt in Brüssel war allerdings faszinierend gut! Alleine dafür hatte sich der Ausflug ins Ancienne Belgique gelohnt ("alleine", nicht "nur"!).

Um 21.35 Uhr hatten Veronica Falls ihren dreiminütigen Soundcheck beendet und erschienen zurück für ihren Auftritt. Die Band wirkte auf mich ein wenig müde, aber vielleicht interpretiere ich zuviel in Gesichtsausdrücke hinein.

Die Box des Ancienne Belgique hatte ich mir als eigenen Saal vorgestellt. Wir waren uns im Laufe des Abends aber immer mehr sicher, daß es sich um den großen Saal handelte, bei dem die Bühne weiter zurückverschoben war und Vorhänge den hinteren Teil und die Balkone oben verdeckten. In diesem (eventuell) hatte ich New Order gesehen, damals waren vermutlich 2.000 Zuschauer anwesend. Für das heutige sehr gemischte Doppel waren 250 bis 300 gekommen, der jetzt kleinere Saal hätte einge mehr gefasst.

Veronica Falls spielten das gleiche Set, das ich in München erlebt hatte. Es gab auch sonst wenige Variationen, weder in die eine, noch in die andere Richtung. Alle Lieder im Liverepertoire sind Knüller - ihre Bühnenversionen noch einmal charmanter als die auf Platte. Alle außer Tell me. Damit hatte ich schon vor anderthalb Wochen gefremdelt, obwohl ich das Stück auf dem Album sehr gerne höre. Nachdem es mir auch in Brüssel so ging, vermute ich, daß Tell me zu langsam für Konzerte ist. Vielleicht sollte die Band es einmal punkiger spielen. Gerade als Einstieg in einen Auftritt fehlt dem Lied aber der Biss.

Daß das Konzert der jungen Londoner, in die ich mich in den letzten Jahren so verguckt ("verhört" klingt doof) habe, schlechter als das in München war, lag zum einen an der fehlenden Abwechslung, zum anderen am Publikum, das bis auf eine Handvoll Leute in der Mitte, die gegen Ende aufdrehten und laut wurden, extrem zurückhaltend war. Hauptstadtpublikum, wie man es kennt, das alles schon einmal gesehen hat.

Trotzdem heißt "schlechter" natürlich noch immer sehr gut. Also freue ich mich auf das nächste Mal mit Veronica Falls.

Setlist Veronica Falls, Ancienne Belgique, Brüssel:

01: Tell me 
02: My heart beats 
03: Beachy Head 
04: Broken toy 
05: Waiting for something to happen 
06: Bad feeling 
07: Found love in a graveyard 
08: If you still want me 
09: Buried alive 
10: Wedding day 
11: Teenage 
12: Come on over 

13: Right side of my brain (Z) 
14: Starry eyes (Roky Erickson Cover) (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- unser Interview mit Veronica Falls
- Veronica Falls, Stuttgart, 04.05.13
- Veronica Falls, München, 03.05.13
- Veronica Falls, Barcelona, 02.06.12
- Veronica Falls, Berlin, 22.03.12
- Veronica Falls, Luxemburg, 10.11.11
- Veronica Falls, Paris, 04.05.11



Dienstag, 14. Mai 2013

Dear Reader, Stuttgart, 13.05.2013

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Konzert: Dear Reader
Vorband: Traded Pilots
Ort: Club Schocken, Stuttgart
Datum: 13.05.2013
Zuschauer: vllt. 150 - 200
Dauer: Dear Reader 76 Minuten / Traded Pilots 25 Minuten



Erhabene „Ohohoho“- oder „Ahaha“-Chöre ziehen sich durch den ganzen Abend. Cherilyn MacNeil, die junge Südafrikanerin, die sich hinter dem Künstlernamen Dear Reader verbirgt, gelang mit ihrem vierten Album „Rivonia“ der große Wurf. Sie hat ihr Meisterwerk, ihr ganz persönliches „Graceland“ geschaffen. Ein Album so ausdrucksstark wie lyrisch stringent, von solch musikalischer Grazie wie kaum ein anderes Werk in den letzten Monaten.

Die Wahl-Berlinerin hat mal wieder die Bandbesetzung nahezu komplett geändert. Es ist erst das sechste Konzert dieser Formation. Noch breiter als auf den vorhergegangen Alben ausgefallen, gelingt es den herausragenden Musikern den Sound „Rivonias“ auch live zu erzeugen. Charmante Storyteller-Qualitäten besitzt Cherilyn MacNeil schon immer, doch selten hat sie eine berührendere Geschichte als in „The Man Of The Book“ erzählt. Auf der gemeinsamen TV-Noir-Tour mit Herrenmagazin im November erstmals gehört, brannte sich die Geschichte ihres Ur-Ur-Großvaters, der einst mit Mahatma Gandhi durch Südafrika reiste, fest in mein Gedächtnis ein. Grautöne findet man auf Dear Reader – Alben selten, MacNeils Geschichten sind farbenfrohe Schilderungen. Auf dem aktuellen Album drehen sie sich alle um die Vergangenheit ihres Heimatlandes. Der räumliche wie auch kulturelle Abstand Berlins zu Johannesburg spielt hierbei sicherlich eine ganz signifikante Rolle, vielleicht auch eine Prise Heimweh. Die Bezugnahme auf ihre Vorfahren legt das Nahe, ebenso der Wunsch und die Traurigkeit darüber, ihren Ur-Ur-Großvater niemals kennengelernt zu haben. Inspirierend ist dessen Leben, das Leben des Alber Bakers sicherlich. Stark christlich geprägt, ließ er im rassistischen Apartheid-Südafrika Gandhi in seinem Bett schlafen und versuchte ihn immer wieder zum Christentum zu konvertieren. Ein lustiger Gedanke, der einen schmunzeln lässt. Die sechs-köpfige Band spielt darüber wundervollen Folk mit starken World Music – Einfluss. MacNeil singt am Klavier, während vor allem Sam Vance-Law am Akkordeon die Klangästhetik entscheidend beeinflusst. Bewusst, wie ich annehme, nähern Dear Reader den Sound an Paul Simons Magnus Opus „Graceland“ an, schließlich coverte man im November noch mit Herrenmagazin „Under The African Sky“. Vance-Law, der bei Cherilyn MacNeil bei der TV-Noir unterstützte, ist ein unschätzbarer Gewinn. An Violine, Synthesizer, Akkordeon und vor allem als begnadeter Vokalist leistet der junge Kanadier einen großen Beitrag zur hochklassigen Musik, auf dem Album – und ganz besonders live. Gemeinsam mit Emma Greenfield, die in dieser Dear Reader Besetzung Gitarre, Trompete, Keyboards spielt und ebenfalls fantastische Backround-Vocals beisteuert, eröffnete Vance-Law mit seinem eigenen Folkprojekt Traded Pilots den Abend.


25 Minuten spielten die beiden in Berliner lebenden Kanadier glasklaren Folk in englischer Tradition mit starken kammermusikalischen Anleihen. Der Rahmen stimmt, die Umsetzung gelingt ausnahmslos. Verträumten, zweistimmigen, versetzten Gesang zu dezenten Akustikgitarren- und Geigenmelodien habe ich so graziös niemals zuvor gehört. Faktisch hat man es eher mit klassischen Klängen, als mit herkömmlicher Popmusik zu tun. Mal an Erland and the Carnival oder Fairport Convention erinnernd, finde ich immerhin einige wenige Referenzen, die mehr schlecht als recht passen. „Swallow Your Tears“, das Vance-Law im herrlichen Bariton beginnt, bevor Greenfield einsetzt, ist eine echte Perle. Lieder wie „Bright Bonnie Roses“ oder „Songs For The Dead“ verdienen zumindest gehört zu werden. Ich höre mich selber schlucken, es scheint still zu sein im Schocken, der Abend beginnt höchst würdevoll.



Würdevoll ist ein Adjektiv, das Cherilyn MacNeils Bühnenpräsenz gut umschreiben kann. Im roten Kleid, mit auffallender Halskette und ohne Schuhe haucht die von Grund auf sympathische Sängerin ihre wunderbaren Lieder aus Südafrikas Historie und streut hier und da ältere Titel ein, die erwartungsgemäß ein wenig euphorischer aufgenommen werden. Ob an Klavier, Akkordeon oder Akustikgitarre, nie wirkt die begabte Musikerin deplatziert. „Good Hope“ über die europäische Entdeckung und Erschließung, die auch ihre Vorfahren nach Afrika führte, steht für den geschichtsträchtigen Folkpop ihres aktuellen Albums. Zu passenden Violinenklängen, mächtigen Seemanns-Chören von Vance-Law und dem ausgezeichneten Bassisten Michael Vinne, illustriert sie die Besiedlung ohne zu kritisieren oder gar zu beschönigen. Davor leistet Greenfield als zweite Stimme beim Ethno-Pop von „Took Them Away“ meisterliche Schwerstarbeit. Dass „Dearheart“, der große Hit vom 2008er Album „Replace Why With Funny“, dazwischen nicht heraussticht, bezeugt die große Klasse der neuen Songs, dennoch ist dieser der Song, der dem ätherischen Geigenspiel des kanadischen Multiinstrumentalisten, mit runder Brille und grauem Hemd, die deutlichsten Freiräume lässt.
Wer bezweifelt haben sollte, dass Dear Reader auch politische Texte schreiben könnte, wird spätestens mit „27.04.1994“ des Gegenteils überzeugt. Mit dem auf das Datum der ersten freien Wahlen in Südafrika nach dem Ende der Apartheid-Ära bezogenen Titel wird klar, dass es sich um ein Loblied auf Freiheit, Demokratie, Nelson Mandela und gegen Rassismus handelt. Ein wichtiger Part der Nationalgeschichte des Landes, der auf dem augenscheinlich konzeptionell angelegten Album nicht fehlen darf und live eine äußerst dynamische Wirkung entfaltet, was nicht zuletzt auf den maßgenauen Beat des Schlagzeugers Thomas Fietz zurückzuführen ist.

Anders als im vergangenen Jahr bei meinem ersten Dear Reader Konzert im mittlerweile geschlossenen Speakeasy macht einem auch die Technik keinen Strich durch die Rechnung und die Akustik ist tadellos. Cherilyn MacNeil fühlt sich sichtlich wohl: „Ich bin froh zurück in Stuggi-Town zu sein“, begrüßt sie fröhlich das Publikum und findet in ihren höflichen Ansagen immer schmeichelnde Worte für die schwäbische Metropole und nimmt die Schwaben generell vor der ihnen entgegenschlagenden feindlichen Stimmung in Berlin in Schutz. „Many people in Berlin really hate Stuttgart, but I love it!“ Sie meint es sichtlich ernst, begeisterter Applaus quittiert die Stellungname.

Ich freue mich, dass es „Rivonia“ komplett zu hören gibt, dennoch ist es jedes Mal wieder schön einen bekannten älteren Titel zwischen den ausnahmslos guten Neulingen zu entdecken. „Whale (BooHoo)“ zum Beispiel. Der verschrobene Song, der 2011 auf dem ebenfalls als Konzeptalbum angelegten Album „Idealistic Animals“ veröffentlicht wurde, begeistert mit seinem starken Refrain und gibt den drei Backroundstimmen die große Möglichkeit zu brillieren. „We'll cover New York / with icy, icy blue / And the Statue of Liberty / she'll be poking through / And the last time that you see her / it'll be from a canoe / Singing Mama Goodbye / You know we'll always miss you“, ohne wenn und aber handelt es sich um ein Highlight eines erstklassigen Konzerts, bevor mit „Back From The Dead“ und „Already Are“ nochmals zwei neue Songs folgen. 

 
So wie ich „Rivonia“ für das beste, stimmigste Album halte, sehe ich „Great White Bear“ in seiner fragilen Gestalt als großartiges Lied aus MacNeils Feder. Dass die todtraurige Ballade mit ihrem extraordinären Text wohl niemals aus der Setlist fallen wird, bleibt zu hoffen. Er verbleibt als einer der besten Lieder der späten 00er Jahre – und das meine ich ernst. Dann gibt es das packende Songfinale, Gänsehaut, Euphorie und jede Menge hochklassige Musik.

Victory“ den Schlusssong des aktuellen Albums, dann ist das reguläre Set schon vorbei. Drei Zugaben, darunter die Band-Klassiker „Bend“ und „Monkey (Go Home Now)“ zum Schluss.

Vier Mal habe ich Dear Reader in den vergangenen zwölf Monaten gesehen, nie war es besser als heute. Die Besetzung wechselte stets, besser als die jetzige kann sie kaum werden. Geht hin, genießt es und betet, dass wir noch lange Freude an diesem Sextett haben dürfen, bevor Cherilyn MacNeil Dear Reader ein weiteres Mal neu erschafft. Doch auch darauf darf man gespannt sein, womit uns die kreative Johannesburgerin wohl als nächstes überrascht.

 

Setlist, Traded Pilots, Stuttgart:

01: Winds
02: Penny
03: Swallow Your Tears
04: Bright Bonnie Roses
05: Songs For The Dead
06: Rock
07: Bye Bye Baby 


Setlist, Dear Reader, Stuttgart:

01: Man Of The Book
02: Took Them Away
03: Dearheart
04: Good Hope
05: 27.04.1994
06: Down Under, Mining
07: Whale (BooHoo)
08: Cruelty On Beauty On
09: From Now On
10: Man (Idealistic Animal)
11: Back From The Dead
12: Already Are
13: Great White Bear
14: Victory

15: Teller Of Truths (Z)
16: Bend (Z)
17: Monkey (Go Home Now) (Z)


Links:

- aus unserem Archiv:
- Dear Reader & Herrenmagazin, Freiburg, 13.11.2012
- Dear Reader & Get Well Soon, Düsseldorf, 04.10.2012 (Ursula)
- Dear Reader & Get Well Soon, Düsseldorf, 04.10.2012 (Gudrun)
- Dear Reader, Mannheim, 19.05.2012
- Dear Reader, Wiesbaden, 24.01.2012 
- Dear Reader & Laura Gibson, Paris, 18.01.2012 
- Dear Reader, Weinheim, 16.09.2011 
- Dear Reader, Frankfurt, 11.09.2011 
- Dear Reader & Ramona Falls, Wien, 08.10.2009
- Dear Reader & Ramona Falls, Marburg, 06.10.2009
- Dear Reader & Ramona Falls, Düsseldorf, 28.09.2009 
- Dear Reader, Haldern, 15.08.2009 
- Dear Reader, Berlin, 07.08.2009 
- Dear Reader & Get Well Soon, Paris, 06.05.2009 
- Dear Reader & Get Well Soon, Nijmengen, 25.04.2009 
- Dear Reader, Köln, 18.04.2009 
- Dear Reader, Paris, 19.02.2009 
- Dear Reader & Sophie, Köln, 12.02.2009

 

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