Montag, 21. August 2017

Interpol, Luxemburg, 19.08.17

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Konzert: Interpol
Ort: den Atelier, Luxemburg
Datum: 19.08.2017
Dauer: Interpol knapp 95 min, Froth knapp 45 min
Zuschauer: ca. 800 (ausverkauft)



Interpol sind die wichtigste Band der letzten 20 Jahre, auch für mich. Die Liste der Bands, die sich auf die New Yorker beziehen oder mit ihnen verglichen werden, ist entsetzlich lang. Während viele von denen wieder verschwanden, sind Interpol immer noch aktiv und verweigern das übliche Schicksal, immer schlechter zu werden und irgendwann nicht mal mehr aus Mitleid attraktiv zu sein. Nichts kommt an die ersten beiden Alben der Band ran, aber nichts aus dem späteren Werk ist peinlich oder langweilig.

Das Debüt Turn on the bright lights ist 2002 erschienen und wird seit wenigen Tagen live aufgeführt. Als diese Tour im Januar angekündigt wurde, waren zwar nur zwei Termine in Deutschland dabei, allerdings auch ein Konzert im kleinen und sehr tollen Atelier in Luxemburg. 2015 hatte ich Interpol beim Primavera-Festival in Barcelona in einem kleinen Theater gesehen und nicht gedacht, sie noch einmal so winzig erleben zu dürfen. Das Atelier ist eine Ecke kleiner. 


Vor Interpol spielten erst einmal Froth aus Los Angeles, eine vierköpfige Dreampop-Band, die zuletzt u.a. Ride supportet hatte. Weil ich viel Gutes über sie gehört hatte, war Vorfreude da, obwohl Vorgruppen bei einem Konzert, das ewig lange Anreise erfordert, fast immer lästig sind. Froth waren allerdings ganz anders. Ich habe ewig keine so überzeugende Support-Band gesehen. Froth klangen mal shoegazig, mal rockig, mal mehr nach Dreampop, vor allem waren sie über 45 Minuten lang hochspannend. Eigentlich total unfair, eine solch gute Band vor Interpol anzusetzen, denn dadurch bekommen Froth (z.B. hier) bei weitem nicht die Aufmerksamkeit, die sie verdienten. Im Saal wurde ihr Auftritt aber gefeiert, auch das habe ich bei Supports selten in der Form erlebt.

Und dann Interpol...

Meine letzten beiden Konzerte der New Yorker waren wieder sehr gut, nachdem ich davor ein paar Auftritte erlebt hatte, die mich erschreckend kalt gelassen hatten. Der Witz schien auserzählt, bis 2015 wieder ein gutes Live-Jahr war. Schlechte Alben hatte die Band auch zuletzt nicht, der Lack schien aber ab zu sein. Dann kam Barcelona und ein hervorragendes Konzert im Schlachthof in Wiesbaden. Das Risiko, daß ausgerechnet das Turn on the bright lights Jubiläum mies werden würde, war überschaubar.

Als die Band - die drei Gründer Paul Banks, Daniel Kessler und Sam Fogarino, Tour-Bassist Brad Truax und Tour-Keyboarder Brandon Curtis - das Konzert nicht mit Untitled eröffneten, begann erst einmal ein Aufwärmen, das mehr als fantastisch war. Not even jail, Take you on a cruise, Slow hands, die drei mittleren Lieder der zweiten Platte Antics nacheinander, das war phänomenal gut! Bei Not even jail klang Paul Banks' Stimme noch arg breiig, der Sound wurde aber ab Take you on a cruise viel besser.

Danach folgten die beiden einzigen Lieder des Abends, die jünger als zehn Jahre sind, erst Lights von Interpol, das enorm wuchtig klang (was gut war) und der große Hit All the rage back home vom letzten Album (der einzige Song des Abends, der nach dem Ausstieg von Bassist Carlos Dengler entstanden ist. 


Nach einem solche starken Anfang spielen Bands normalerweise neueren Kram, den niemand (außer der Band) hören will, um am Ende wieder die Hits auszukramen. Hier kam nach den ersten fünf Highlights stattdessen eines der besten Alben der Musikgeschichte in voller Länge. 

Turn on the bright lights klingt auch nach 15 Jahren noch aufregend wie am ersten Tag. Wenn ich bei einem Brand zehn Platten aus meinem Schrank retten dürfte, wäre immer Turn on the bright lights dabei (und Grab that gun von The Organ, Funeral von Arcade Fire, der Breaking glass Soundtrack und der Rest aus Manchester und von den Pastels).

Nachdem er neu dabei war, hatte mich Bassist Brad Truax durch scheußliches Rock-Gepose entsetzlich gestört. Mit den langen Haaren ging offenbar auch die fehlende Demut weg, mich störte in Luxemburg nichts mehr an dem Mann rechts. Diese dämlichen Mitklatsch-Animationen von Daniel Kessler sind ärgerlich (weil sie zu keiner Band weniger als zu Interpol passen), sie konnten aber auch nicht verhindern, daß das Konzert großartig war. Einzig die deutlich dünnere Stimme von Paul Banks schmälerte den Genuß ein wenig. Ob er erkältet war? Oder läßt sie einfach altersbedingt nach? Sie war jedenfalls merkbar kraftloser als früher.

Ansonsten war alles wunderbar! Die elf Lieder von TOTBL sind alle Lieblinge, die meisten habe ich bei meinen bisherigen Interpol-Konzerten auch schon gesehen. Stella, Hands away, Leif Erikson, Obstacle 1 und Roland in einem Konzert, das ist aber eben vollkommen einmalig (nein, ich sehe sie auch in Tilburg). Es war schon fast langweilig, daß nach einem Hit ein Hit kam. Und dann wieder einer. Für Leute mit niedriger Aufmerksamkeitsspanne war das nichts.


Die Platte endet mit Leif Erikson, benannt nach dem Sohn von Erik dem Roten und erster Europäer, der Nordamerika erreicht hat. Zugaben wären danach nicht mehr nötig gewesen, was sollte denn auch noch kommen nach der Einleitung und dem Hauptteil?

Es kam zunächst einmal Specialist von der 2002er EP Interpol (mit NYC und PDA), eine echte Besonderheit. Auch hier waren Interpol stilsicher wie je. Nicht irgendein Quasch, eine sehr gut ausgewählte B-Seite, wobei es das eigentlich auch nicht ist. Specialist war die kleine Kirsche auf dem Törtchen, großartig!

Danach folgten noch die Knüller Heinrich maneuver und Evil.

Die Sache mit der Stimme war auffallend. Vielleicht war es aber trotzdem mein bestes Interpol-Konzert bis jetzt.


Setlist Interpol, den Atelier, Luxemburg:

01: Not even jail
02: Take you on a cruise
03: Slow hands
04: Lights
05: All the rage back home
Turn on the bright lights:
06: Untitled

07: Obstacle 1
08: NYC
09: PDA
10: Say hello to the angels
11: Hands away
12: Obstacle 2
13: Stella was a diver and she was always down
14: Roland
15: The new
16: Leif Erikson

17: Specialist (Z)
18: Heinrich maneuver (Z)
19: Evil (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:

- Interpol, Stuttgart, 26.08.15
- Interpol, Wiesbaden, 25.08.15
- Interpol, Barcelona, 28.05.15

- Interpol, Köln, 25.01.15
- Interpol, Hilvarenbeek, 20.06.14
- Interpol, Saint Cloud, 28.08.11
- Interpol, Barcelona, 26.05.11
- Interpol, Paris, 15.03.11
- Interpol, München, 12.03.11
- Interpol, Dortmund, 22.11.10
- Interpol, Paris, 17.09.10
- Interpol, Montreux, 16.07.08
- Interpol, Brüssel, 23.11.07
- Interpol, Paris, 21.11.07
- Interpol, Köln, 19.11.07
- Interpol, Hohenfelden, 17.08.07
- Interpol, Köln, 11.05.07
- Interpol, Paris, 10.05.07



Mittwoch, 16. August 2017

Haldern Pop Festival, 3. Festivaltag, 12.08.2017

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Haldern Pop Festival, 3. Festivaltag, 12.08.2017
Ort: Rees-Haldern am Niederrhein
Datum: 12.08.2017
Zuschauer: etwa 7000
Konzertdauer: von früh bis spät




Weisswein zum "Frühstück", das ist doch mal was. Wobei Frühstück ein dehnbarer Begriff ist, für eine Nachteule wie mich ist 14Uhr 15 recht früh, zumindest für ein Konzert. White Wine aus Leipzig spielten zu dieser Zeit in einer völlig überfüllten Pop Bar und es fiel mir schwer die drei Akteure vorne auf der Bühne zu sehen. Als da wären Joe Haege (31 Konto, Tu Fawning), Fritz Brückner und der neu hinzugestossene Christian Kühr an den Drums. Das Konzert war toll und der Sound der Band originell, schmissig und innovativ, aber aufgrund meiner anstrengenden Position blieb ich nur etwa vier Lieder, bevor ich zu Daniel Brandt und seinen beiden Mitmusikern auf die Hauptbühne eilte. 


Brandt war um 15 Uhr angesetzt und sein Set gefiel mir richtig gut. Instrumentelle Musik mit postrockigen Ansätzen, einem fintenreichen Schlagzeugspiel und einer famosen Trombone, langweilig wurde es mir trotz fehlenden Gesanges nicht. Im Gegenteil, das Set hatte einen hypnotischen Charakter, war tanzbar und abwechslungsreich. Gespielt wurden Tracks des Albums Eternal Something.




Danach ging es für mich mit Voodoo Jürgens und seiner Band im Spiegelzelt weiter. Die Österreicher hatten Verspätung, waren auf der Autobahn in einen Stau geraten, kamen aber schliesslich doch und das war gut so, denn die im österreichischen Akzent vorgetragene Kabaretmusik hatte hohen Unterhaltungswert und einen einzigartigen Stil. Die Fachpresse bezeichnet Sänger David Öllerer wohl gerne als alpenländischen Tom Waits und so abwegig ist der Vergleich gar nicht. Allzu gerne hätte ich die sicherlich witzigen Texte verstanden, aber dazu war mein österreichisch doch zu schwach. Öllerer fragte deshalb auch, ob es für uns nicht ähnlich sei, wie Eros Ramazotti zuzuhören und wenn ich ehrlich war, fühlte es für mich so an. Natürlich nicht so schmalzig, aber ich kapierte nicht worum es in den Liedern ging. Um die abgehängte Arbeiterschaft wie man in einem Artikel lesen konnte? Um Säufer, Verlierer, Randerscheinungen in einem immer schicker werdenden Wien?

Ein Lied hiess jedenfalls Gitti, dazu hätte man fast mitschunkeln können, es war enorm stimmungsvoll, hatte aber auch viel Melancholie, die mich an Element Of Crime erinnerte.




Letzlich dauerte das Set nur etwa 30 Minuten, weil die Verspätung von 15 Minuten nicht mehr nachgeholt werden konnte. Die halbe Stunde hatte es aber in sich, allein der Look der Musiker war zum Schiessen! Diese schwere Zuhälter-Halzkette von Öllerer, die hässlichen Hemden im Stile der 80er Jahre, die clochardhaften Anzüge, köstlich!

Nun muss ich unbedingt die Texte studieren, damit sich für mich das schrille Universum von Vooddo Jürgens erschliesst!


Weniger schrill und optisch deutlich geschmackssicherer war Julia Jacklin aus Australien um kurz vor acht im Spiegelzelt. Die natürliche Blondine gähnte vor ihrem Auftritt etliche Male, aber das verstand sich von selbst wenn man sich ihren Tourstress und ihre weiten Reisen vergegenwärtigt. das arme Mädel muss platt sein! Bei dem wunderbaren Konzert liess sie sich die Müdigkeit aber nicht anmerken, spielte gemeinsam mit ihrer männlichen Band hervorragende Songs von ihrem glänzenden Album Don' Let The Kids Win, darunter die Indiehits Coming Of Age und Poolparty, welches das vorzügliche Set beendete. Etwa in der Mitte des Programms gab es auch Platz für die gelungene Coverversion von Someday von The Strokes.


Die Mischung aus Folk und Indierock klang erlesen und hochkarätig, obwohl Jacklin nichts Neues erfindet und man Songs dieser Art schon vorher bei anderen gehört hatte. Dennoch: ein grosses Talent, starke Lieder und ein hoher Sympathiefaktor.


Sehr sympathisch fand ich auch den Auftritt der beiden jungen Freundinnen Rosa Walton und Jenny Hollingworth von Let's Eat Grandma um kurz vor 9 im Spiegelzelt. Verblüffend die Unbeschwertheit und Kreativität der beiden. Zum Beginn des Sets veranstalteten sie erst einmal ein Klatschduell, wie wir es als Kinder spielten, bevor sie dann in der weiteren Folge an Keyboard, Flöte, Mandoline, Saxofon und weiteren Instrumenten Akzente setzten. Ein Mädel hatte völlig löchrige schwarze Jeans und beide hatten sie lange lockige Haare, die sie wie schwere Jungs der Heavy Metal Szene durch die Luft wirbeln liessen. In zwei Situationen musizierten die beiden gar flach auf dem Boden liegend!




Dennoch war dies alles keine billige Effekthascherei, sondern Ausdruck jugendlicher Experimentier-und Spielfreude und auch stilistisch gingen die Mädels spielerisch von Pop zu Rap und von Rap zu Folk über, als ob es keinerlei Grenzen gäbe (was löblich ist). Ihr Debütalbum I, Gemini ist bereits erhältlich und davon spielten sie unter anderem Eat Shiitake Mushrooms.


Ein wunderbares Konzert, mit dem ich die Haldern Pop Berichterstattung zunächst einmal beschliessen möchte, denn es geht für mich heute schon wieder zu einem anderen Festival. Bei meiner Rückkehr habe ich mir fest vorgenommen, diesen Artikel hier noch zu erweitern und vor allem ausführlich über das intensive und beeindruckende Konzert von Kate Tempest zu berichten.

Bis dann!



Haldern Pop Festival, 2. Festivaltag, 11.08.17

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Konzerte: 2. Festivaltag beim Haldern Pop mit u.a. Aldous Harding, Julie Byrne, Faber, Benjamin Clementine, Matthew And The Atlas
Ort: Haldern Pop Festival, Rees am Niederrhein
Datum: 11.08.17
Dauer: von 10 Uhr 30 bis 3 Uhr früh
Zuschauer: Etwa 7000 


Am zweiten Festivaltag wollte ich unbedingt zu Aldous Harding in der Haldern Pop Bar vor Ort sein. Die Neuseeländerin war dort von 12H40 bis 13h20 angesetzt. Aufgrund des sehr mittelmässigen Netzes an öffentlichen Verkehrsmitteln, kam ich aber prompt zu spät. Früh aufstehen war ohnehin nicht drin gewesen, gestern nacht hatte ich noch stundenlang Fernsehen geglotzt, es lief die spannende Sendung "die 10 gefährlichsten Flughafen der Welt" und ich konnte ja schlecht nach Platz vier aufhören... 

Aldous Harding platzierte sich bereits im Vorfeld in meiner persönlichen Top Ten Liste, nämlich derjenigen mit den Acts, auf die ich mich am meisten beim Haldern freute. Insofern war mein Bedauern gross, sie verpasst zu haben. Aber ich hatte ihre Show nur vermeintlich verpasst, aufgrund von Verschiebungen im Programmablauf bekam Aldous kurzfristig den Slot von Mammut um 17 Uhr im Zelt zugewiesen und ich hatte das grosse Glück die Neuseeländerin doch noch geniessen zu können.



Sie kam ganz in weiss (Zeichen von Unschuld?) gekleidet auf die Bühne, nur die Collegeschuhe waren schwarz. Ein recht konservativer East Coast Look für eine solch ausgeflippte Dame, aber vielleicht war das Teil des Konzepts. Mit ihr auf der Stage ihr exzentrischer Pianist mit dem Gebaren eines bekifften Hippies, köstlich! Die beiden fielen wirklich auf, Aldous insbesondere durch ihre Grimassen, ihr Augenverdrehen, ihre seltsame Mimik. Brutale Ehrlichkeit um die Authentizität der Texte zu unterstreichen, unbewusste Marotte, oder Albernheit? Hinterher diskutieren wir unter den Haldern Fotografen dieses Phänomen, ohne das Rätsel wirklich ergründen zu können.



Unbestritten gut war auf jeden Fall die Musik. Harding hat auf ihrem aktuellen Album The Party (das zweite ihrer Laufbahn) so viele starke, eigenwillige, auch textlich interessante Songs zu bieten, dass man heuer nur schwerlich an ihr vorbei kann. Ob das an John Lennon erinnernde Imagining My Man, das elektrisch angehauchte Bend, oder das eingängige Horizon, all diese Stücke klangen auch live extrem gut. Und zusätzlich bekamen wir den vielversprechenden neuen Song Weight Of The Planets geboten.

In der Mitte des Sets stiessen zwei zusätzliche Musiker mit auf die Bühne, ein Drummer plus H. Hawkline an der Gitarre. Hawkline gilt ja auch als Solokünstler als heisser Tip, aber in der Band von Harding fiel er nicht sonderlich auf. Die reduzierten Songs brauchten eigentlich nicht viel Instrumentierung, die Neuseeländerin hätte ihr Konzert auch problemlos nur zu zweit bestreiten können. Letztlich wechselte das Line Up während des Sets in schöner Regelmässigkeit, Aldous stand mal alleine, mal zu zweit, mal zu viert auf der Bühne. Gut war es immer. Nur am Ende störte die Musik die von der Hauptbühne ins Zelt rüberdröhnte (Blaudzun hatte begonnen) ein wenig, aber so etwas gehört bei Festivals eben dazu.



Aber gehen wir mal chronologisch vor, Aldous Harding fand also um 17 Uhr statt, vorher, genauer gesagt um 14Uhr 30, hatte Julie Byrne ihren Auftritt in der Kirche. Und der war erwartet wundervoll. Ganz alleine mit Akustikgitarre hatte die Amerikanerin ihr Konzert bestritten, hatte auf wundervollste und sanfteste Art gesungen und mich damit völlig in ihren Bann gezogen. In der Kirche war es vorbildlich ruhig und alle sahen friedlich und mit freudigen Augen nach vorne, wo Byrne die Friedenspriesterin gab.



Dabei spielte es für mich keine grosse Rolle, dass sich die Lieder untereinander etwas ähnelten, schlicht und einfach gehalten waren. Was für mich zählte war die Naturreinheit (kein Wunder, dass ein traumhaftes Stück Natural Blue hiess), die profunde Schönheit (man höre nur Melting Grid!), die wahnsinnige Zärtlichkeit die von den Liedern ausging, die überwiegend von dem aktuellen zweiten Album Not Even Happiness stammten. Auffällig auch ihr gutes Fingerpicking, das sie von ihrem Vater erlernt hatte.

Eine Wohltat für die Sinne dieses Konzert von Julie Byrne! Vor dem Kircheingang kaufte ich mir auch noch ihr erstes Album (Rooms With Walls And Windows), das ich noch nicht hatte, machte mich dann aber auf den Fussweg Richtung Hauptbühne. Meine Füsse trugen mich leider nicht schnell genug, um noch den Schluss von Penguin Café zu sehen, schade, aber man kann bei Festivals eben nie alles sehen, was man möchte.



Um 16 Ihr 15 traten die Schweizer Faber auf der Hauptbühne auf. Das war zwar musikalisch nicht so ganz mein Stil, aber die Band um Sänger Julian Pollina schaffte es sehr gut, das Halderner Publikum zu unterhalten. Pollina hatte etwas von einem Posterboy, in den ersten Reihen sah man viele schmachtende Mädchen.



Auffällig die Bühendeko, da standen viele Pflanzen rum, das Ganze hatte das Flair eines tropischen Regenwaldes (nun gut, Sonnenblumen gibt es dort nicht)
Unterhaltsam, aber dennoch ziehe ich das Buch Homo Faber von Max Frisch der Musik von Faber vor.



Nach Faber ging ich rüber zum Spiegelzelt zu Aldous Harding, aber den Bericht darüber habe ich ja hier schon an den Anfang gestellt, so dass wir hier nun chronologisch fortfahren können und zwar mit dem Gig von Blaudzun, der bis um 18 Uhr 30 auf der Hauptbühne stattfand. Er war äusserst schwung- und stimmungsvoll und begeisterte das Publikum. Das war tighter Indierock mit gelegentlichen Ausbrüchen Richtung Mainstream, getragen von der Falsettstimme von Johannes Sigmond und den flotten Rhythmen der Band, in der die blonde Perkussionistin mit ihrem attraktiven flachen Bauch optisch herausstach, aber mit ihrer unglaublichen Energie auch musikalisch zum Gelingen beitrug.




Bei den Amazons im Anschluss legte ich dann eine Essenspause ein und fand mich erst wieder zum Auftritt von AnnenMayKantereit ein. Eine Band die in Haldern schon vor der Kirche, in der Bar und auf der Biergartenstage (die gibt es heuer nicht mehr) gespielt hatte, inzwischen aber richtig kommerziell erfolgreich geworden ist und somit logischerweise auf die Hauptbühne platziert wurde.

Neben den eigenen Kompositionen performten die vier Kölner auch zwei Cover, einmal den Farbfilm von Nina Hagen und dann noch das The Zutons Cover Valerie, das Amy Winehouse erst so richtig bekannt gemacht hatte.



Gegen Annemyakantereit wird seitdem sie erfolgreich sind viel gehetzt, aber schlecht war ihr Auftritt in Haldern nicht. Die Rio Reiser Gedächtnisstimme von Bandleader Henning May war markant und 3. Stock ("ich möchte mit dir in 'ner Altbauwohnung wohn', zwei Zimmer, Küche, Bad und einer kleiner Balkon") ist fast eine Art guilty pleasure für mich. Guilty weil es ein wenig sozialromantischer Kitsch ist und auch eher bieder daherkommt.

20 Uhr 15 Zeit für den gehypten Loyle Carner im Spiegelzelt, aber mit seinem Hip Hop konnte ich mich nicht richtig anfreunden, ich mag diesen Musikstil nun einfach nicht, da wäre es gelogen hier Interesse zu heucheln. Seine Verpflichtung beim diesjährigen Festival war aber sicherlich ein Coup der Veranstalter, Loyle Carner ist sehr begehrt zur Zeit.



Toll war dann der Auftritt von Badbadnotgood um 20 Uhr 45 auf der Hauptbühne. Das war Instrumentalmusik mit Jazzeinschlag und leichten Hip Hop Elementen (noch erträglich für meine Ohren), geboten von vier Kanadiern, bei denen der blonde Drummer Alexander Sowinski den Ton angab und die Ansagen machte, sich aber ein in der Mitte der Bühne performender Saxofonist namens Leland Whitty ebenfalls sehr verdient machte.

21 Uhr 30, höchste Eisenbahn um pünktlich zum Konzert  von Die Höchste Eisenbahn dabei zu sein. Die Berliner Band spielte im Spiegelzelt ihre deutschen Popsongs und sorgte für gute Stimmung. Leider war es im Zelt aber so brechend voll und ich stand ganz hinten, hinter enorm vielen enorm grossgewachsenen Leuten, dass ich es nicht lange aushielt und wieder raus ging.



Bei Benjamin Clementine hatte ich deutlich mehr Sicht-und Bewegungsfreiheit und showtechnisch konnte mich der ungemein gut aussehende Pianist überzogen. Er hatte ein extravagantes Kostüm mit einem weisser Kragen (einer Krempe? wie nennt man so etwas?) an und am hinteren Bühnenrand performten ein halbes dutzend Backgroundsängerinnen. Stilistisch schwer einzuordnen, aber die Musik hatte was. 


Benjamin Clementine ist unbestritten ein Mann für die grosse Bühne, obwohl er in Haldern vor ein paar Jahren zunächst im Zelt angefangen hatte. Seitdem ging es für ihn karrieretechnisch immer weiter bergauf, zu Liebhabern haben sich auch einige Hater gesellt, aber selbst wenn das nicht wirklich meine Musik war, fühlte ich mich gut unterhalten, zumal Clementine auch ein guter Kommunikator war und oft mit dem Publikum sprach.



Zu meinem persönlichen Tagesabschluss sah ich mir dann auch noch die Briten Matthew And The Atlas im Spiegelzelt an. Eine tolle Band, die auf dem renommierten Communion Label veröffentlicht und von Matt Hegarty angeführt wird. Der Mann mit der rauchigen Stimme war mit seiner Gruppe schon mal in Haldern und freute sich zurück zu sein. Die Freude lag ganz meinerseits denn ein Titel wie On A Midnight Street, der in der Anfangsphase gebracht wurde, glänzte durch eine famose Melodie und eine traumversunkene Instrumentierung. Auch der Titelsong des aktuellen Albums, Temple , wusste mit ähnlichen Ingredienzen zu gefallen. Das war Folkrock, durchaus Mainstream kompatibel, aber nie flach oder anbiedernd. Schöne Harmoniegesänge hübschten das Ganze zusätzlich auf. Ein gelungener, sympathischer Auftritt, mit dem ich diesen Haldern Tag abschloss. Es war komplett trocken geblieben, obwohl der Himmel immer mal wieder bedrohlich aussah. Ein bisschen Glück mit dem Wetter gehört halt eben auch dazu.




Haldern Pop Festival, 1. Festivaltag, 10.08.17

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Konzert: Haldern Pop Festival, erster Festivaltag mit u.a: Get Well Soon, Conor Oberst, Hurray For The Riff Raff, Lisa Hannigan 

Ort: Rees-Haldern am Niederrhein

Datum: 10.08.2017
Dauer: den ganzen Tag 

Zuschauer: 7000 




Mit dem Haldern Pop Festival (und seinen wundervollen Maisfeldern) gemeinsam alt werden. Immer wieder kam mir während dieser 34. Ausgabe des Festivals am Niederrhein dieser Satz in den Sinn. Schließlich war ich beim ersten Mal (2005) noch in den Dreissigern und jetzt bin ich inzwischen hinsichtlich der Jahreszahl meines Geburtstages der 5 näher als der 4. Ich stehe nicht alleine da. Viele Haldern-Gänger sind Wiederholungstäter und kommen Jahr für Jahr wieder. Neben diesen alten Haudegen gibt es aber auch jüngere Fans, die das Haldern jetzt erst für sich entdecken und sicherlich auch im Laufe der Zeit Stammgäste werden. Bei den auftretenden Bands verhält es sich ähnlich. Wenn sie einmal Haldern-Luft geschnuppert haben, wollen sie immer wieder dabei sein. So waren dann auch in diesem Jahr ein paar altbekannte Namen mit am Start, u.a: Conor Oberst, Kate Tempest, Afghan Whigs, Benjamin Clementine, AnnenMayKantereit und Get Well Soon. Die meisten der genannten Künstler haben mal "klein", sprich in der Haldern Pop Bar oder im Spiegelzelt angefangen, so z.B. Benjamin Clementine, Annen May Kantereit und auch Get Well Soon, um die es jetzt in der Folge gehen sollte.



Die Band um Konstantin Gropper spielte 2007, also genau vor 10 Jahren, zum ersten Mal in Haldern und begeisterte im Spiegelzelt sämtliche Anwesenden. Im Anschluss an diesen Sensationsgig verkaufte der gebürtige Mannheimer noch selbstgebrannte CDs (die erste EP und zwar in rauen Mengen!), bevor er nicht viel später bei dem renommierten Berliner Label City Slang unter Vertrag genommen wurde. Heuer sind Gropper und seine Mitmusiker bei Album Nummer vier, genannt Love, angekommen und von diesem Machwerk stammten auch die meisten Songs des leider nur vierzig Minuten langen Gigs. "Love" konnte man in roten Lettern als Bühnendeko lesen und in der Tat versprühten Get Well Soon wieder einmal viel Liebe und auch Spielfreude. Die auf dem Album recht poppigen und sogar bisweilen etwas seichten Nummern wurden live mit viel Schmiss und Rockappeal wiedergegeben und in den letzten 60 Sekunden der jeweiligen Stücke explodierte Konstantin fast im wilden Gitarrenrausch.


Seine Schwester Verena Gropper war mit rotem Jacket ( Geklaut von Angela Merkel?) und rotem Nagellack auf kurzen Nägeln aufgelaufen und sang wie immer glockenklar und wunderschön. Auch alle anderen Musiker auf der Bühne machten einen super Eindruck, die Truppe ist wirklich perfekt eingespielt, hat hunderte (tausende?) Gigs auf dem Buckel und weiss genau wie sie Spannung aufbauen und sie wieder entladen kann.


Einer der Highlights im Set war Roland, I Feel You, ein typisch getwellsoonsches Drama Stück mit viel Emphase und Melancholie aber auch einer angenehm spielerischen Leichtigkeit und einem leicht mexikanisch angehauchten Feeling. Hier spührte man gesanglich eine gewisse Nähe zu Neil Hannon von The Divine Comedy, auch so ein alter Haldern Liebling. Auch das anschliessende You Cannot Cast Out The Demons war melancholisch, aber auch warmherzig und romantisch nahegehend, fast eine Weihnachtmusik, die gegen Ende dramatisch und fast postrockig wurde. Darüber schwebte förmlich das Soprano von Verena. Den Abschluss des Sets bildeten Marienbad und It's a Frog und hinterher war man ein wenig traurig, dass es so schnell vorbei war. Ich hätte mir gewünscht, dass noch ein Song von dem Debütalbum gebracht wird, um den Bogen zu dem Konzert von 2007 zu spannen. Aber auch so war es ein guter Auftritt!

Setlist Get Well Soon

It's Love (vom Album Love)
The Last Days Of Rome (vom Album The Scarlet Beast O'Seven Heads)
It's A Catalogue (Love)
Roland, I Feel You (Scarlet)
You Cannot Cast Out The Demons (Scarlet)
Too Much Love ep (von der Love Bonus CD)
Marienbad (Love)
It's A Frog (Love)

Vor Get Well Soon hatten Hurray For The Riff Raff im Spiegelzelt gespielt und die Band um Frontlady Alyndra Segarra hatte ich vorher eigentlich fest eingeplant. Da meine Anreise von Paris nach Haldern aber etwas länger dauerte als geplant, sah ich nur noch die letzten drei Stücke auf der Leinwelt vor dem Zelt, darunter Living In The City, Pa'Lante und Dancing In The Dark. Pa'Lante war eine wundervolle Ballade, dominiert von der souligen Stimme von Alyndra und einem nahegehenden Text ("dead  porto ricans who never knew they were porto ricans who never took a coffee break form the 10th commandment, to kill, kill, kill"), am Ende schrie sie in Patti Smith Manier und das Schlagzeug und das Vintage Piano trieben zusätzlich nach vorne. Junge Damen spielten auch am Bass und am Klavier.

Der Abgang dann mit Dancing in The Dark, geschrieben von dem einzigen Boss den sie akzeptiere, so Alyndra. Bereits Living In The City hatte etwas nach der E Street Band von Bruce geklungen und so war die Auswahl des Springsteen Covers fast logisch. 

Tolle Band diese Hurray for The Riff Raff, handwerklich exquisit, textlich versiert und auch auf der Bühne packend. Das Spiegelzelt tobte.


Weniger packend, zumindest für mich waren dann die nächsten Eroberer des Magic Mirror, die Australier Parcels. Ihr funkig angehauchter Discosound mit Falsett Gesang liess mich eher kalt, aber ich konnte ja schon mit den Bee Gees in der Staying Alive Phase nichts anfangen und Tänzer bin ich auch nicht. Insofern...





Mehr mein Stil war A Blaze Of Feather, (Name von der Tochter von Micky Smith gefunden) das neue Projekt von Ben Howard und Micky Smith, welches um 20 Uhr 45 auf der Hauptbühne begann. "It's Electronic, it's electronic" sagte der lustige holländische Ansager vorher, aber es war wohl eher Folktronica, die geboten wurde, sprich folkige Musik mit gewissen elektronischen Elementen und einem nach wie vor organischem Ergebnis. Die Band wurde in der Fachpresse als mysteriös beschrieben, weil man sie auf den britischen Festivals wie Citadel und Lattitude auf dem Line up finden, aber zunächst keine Musik hierzu entdecken konnte.




Das Line Up der Band lautete: Mickey Smith, Ben Howard, Nat Wason, India Bourne (Bass, Cello) Kyle Keegan, Richie Thomas. Ihre erste EP zwischen Irland und Cornwall aufgenommen und ihr Haldern Auftritt war der allererste ausserhalb Englands. Und er war gut! Das erste Stück, welches man überhaupt im Internet (auf soundcloud) finden konnte, war Carousel und das haben A Blaze Of Feather natürlich auch beim Haldern gespielt. Ein sehr sphärischer Song, schwebend, irgendwie auch an Pink Floyd erinnernd.

Das ganze Set war ähnlich hübsch und wenn eine Sache störte, dann war es lediglich der immer heftiger werdende Regen, aus musikalischer Sicht gab es keine Beanstandungen. 

Setlist A Blaze Of Feather

Soft Day
Grace

Six Years

Carousel

Behold
Valkyrie
Dust In The Wind
We Were Here

Tja und dieser elende Regen sorgte auch dafür, dass ich mich in ein Tipi Zelt zurückzog, in dem man herrlich starken Kaffee trinken konnte. Kaffe ist immer gut, aber trockenes Wetter wäre in dem Moment noch besser gewesen, denn es sollte nun gar nicht mehr aufhören zu schütten. Einen Gang rüber ins Spiegelzelt zu Giant Rooks aus Deutschland ersparte ich mir deshalb auch lieber (man sagt, es sei toll gewesen) und ich kam erst wieder zum Beginn der Show von Conor Oberst unter dem Zelt hervorgekrochen. Inzwischen war es zudem noch unangenehm kühl (zumindest für einen Augusttag) geworden und vor der Hauptbühne harrten nur noch sehr wenige Festivalbesucher aus. Die meisten hatten sich wohl in ihre Zelte zurückgezogen, obwohl Conor doch sicherlich normalerweise ein Publikumsmagnet ist.


Der Amerikaner kam dann nach netten Worten des Ansagers ("I like Connor very much") in einem Armeeparka auf die Bühne geschlurft und hatte mit den Felice Brothers auch eine tolle Band mitgebracht. Den Regengott schien das reichlich wenig zu interessieren, er liess erbarmungslos Regen auf die Halderner herunterprasseln und irgendwann hatte auch ich die Schnauze voll bzw. die Regenjacke nass. Ich lief entnervt zum Tipi zurück und tauschte SMS en mit meinem Bloggerkollegen Dirk aus. Unserer beiden Stimmung war auf dem absoluten Tiefpunkt, Dirk erwog gar am nächsten Tage nach Hause zu fahren, wenn es so weiterginge. Ich sah die Lage ähnlich. 




Nach einer längeren Wartepause entschied ich mich aber wenigstens den Donnerstagabend positiv ausklingen zu lassen und begab mich ins Spiegelzelt zu Lisa Hannigan. Hier herinnen war es wenigstens kuschelig warm und trocken und auch die gespielten Lieder waren herzerwärmend. Die stammten überwiegend von ihrem aktuellen, von Aaron Dessner von The National produzierten Longplayer At Swim. Ganz wundervoll hiervon die Ballade Snow, bei der die stimmlich Bandbreite von Lisa schön sichtbar wurde, von rauchig und sanft hin zu glockenklar und hoch, sie traf jede Note. Wundervoll auch Fall, bei der sie phasenweise herrlich erdig und energiegeladen sang. Dei leichte Soulnote hierzu ungemein geschmacksicher und erlesen. Prayer For The Dying bestach durch schöne Harmoniegsänge und eine anziehende Schwermut, hach irgendwie war jedes Stück sublim!


Zur Verstärkung waren in der Mitte des Konzertes auch noch etliche Musiker des Cantus Domus aus Berlin hinzugestossen, die den Ohrenschmaus nur noch verstärkten.


Und weil man aufhören sollte, wenn es am schönsten ist, machte ich nach dem Ende von Lisas Konzert auf den Nachhauseweg.



Setlist Conor Oberst


Afterthought
Four Winds
Get Well Cards
Till St. Dymphna Kicks Us Out
Well Whiskey
Ten Wolan
Train Under Water (Bright Eyes)
Artifact #1
Salutations
Poison Oak (Bright Eyes)







Dienstag, 15. August 2017

Evripidis and his Tragedies, Ripley, 30.07.17

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Konzert: Evripidis and his Tragedies
Ort: Midlands Railway Centre,
Datum: 30.07.2017
Dauer: gut 45 min
Zuschauer: volle Kirche



Meine Indietracks-Vorbereitung ist immer gleich. Das Festival veröffentlicht ein paar Wochen vorher eine Bandcamp-Playlist mit einem Song pro Band, die ich dann höre. Da ich werder Spotify noch andere Streaming-Dienste verwende und die wenigsten Künstler ein großes Gesamtwerk haben, ist es nicht ganz einfach, die Auftritte auszuwählen, die ich nicht verpassen darf. Und da jedes Indietracks mindestens einen neuen Lieblingskünstler im Lineup hat, ist die Verantwortung groß, den auch zu finden.




Fifteen again von Evripidis and his Tragedies fand ich beim ersten Hören nett, beim zweiten großartig! Der Grieche könnte ein nach der Geburt getrennter Bruder von Jens Lekman sein, sein Konzert war natürlich gesetzt, obwohl es in der Mini-Kirche stattfinden sollte und die nur über vielleicht 100 Plätze verfügt. 

Die beiden Platten und eine Single hatten wir auf Verdacht schon einmal vor dem Auftritt in der anderen Kirche, der Church of merch gekauft.

Evripidis trat um 18:20 am Sonntag auf. Der griechische Sänger trug Kapitänsmütze (warum auch nicht!) und spielte Keyboard. Neben ihm stand eine Sängerin (Elisa, wenn ich das richtig verstanden habe) und ein weiterer Mann (Marc), der beim Soundcheck eine singende Säge einspielte. Hier war ich sowas von richtig! Das erste Lied war The bluest summer von der 2011 erschienen Platte A healthy dose of pain. Alle drei sangen, Evripidis spielte Klavier, Elisa trötete eine Tröte. Es war wundervoll. Live war da oft mehr Loveboat als Jens Lekman, das machte das Konzert aber keinen Deut schlechter und klingt hier ganz furchtbar falsch. Aber wenn die Musik auf Kreuzfahrtschiffen brillant wäre, wäre Evripidis der größte Star der Szene!



Fifteen again handele von der Zeit, als alles noch schlecht gewesen sei, das Geld, der Sex. Als der Sänger weiter erklärte, worum es ging, erinnerte Elisa ihn an seinen schlechten Sex. Die Dialoge der beiden waren wundervoll, die Spanierin sang zwar "nur" eine der beiden zuzätzlichen Stimmen (und spielte alle möglichen Percussions-Dinge), sie hatte aber auch die Rolle der Co-Frontfrau, was immer wieder sehr komisch war. Marcs tiefe Stimme erzeugte immer wieder Comedian Harmonists-Referenzen, aber auch das führt leicht in die Irre, das Konzert klang nicht wie irgendwas, es klang sehr eigen und war hoch unterhaltsam!


Das dritte Lied We're so scared war ein heimlicher Liebling. Evripidis und Marc sangen die gleiche Melodie, Elisa antwortete den beiden immer wieder, das war wunderschön. We're scared ist die Single, die wir vor dem Konzert gekauft hatten. Der griechische Sänger, der mittlerweile in Barcelona lebt, richtete danach einen Appell an uns alle. Einer der Käufer dieser 7" habe sie ohne das Inlay mit den Texten gekauft, der solle sich bitte hinterher melden (das war ich, ich gewinne sonst nie was). 



Beim vierten Lied (und ja, ich muß zu allen Liedern etwas schreiben) kam erstmals die singende Säge zum Einsatz. Sie klang wie eine Sopranistin, die eine sehr hohe Arie singt. Das Lied (Futile games in space and time) ist der Titelsong der letzten Platte von Evripidis Sabatis. Bei Bandcamp kann man das und alle anderen Veröffentlichungen (zehn) übrigens zur Zeit sehr günstig kaufen, sollte man auch machen!

Evripidis' Lieder handeln von seinem Leben und dessen Tücken, klingen dazu aber nach Traumschiff (und heißen in diesem Fall auch so).
 

My friends are saying
That you are so much more Titanic than Love Boat 

And that you´ll drag me down, down, down, down 
But all those evenings 
That we spend in my room 
They always take me higher 
Than wine, pot or glue 
I´d die to sail with you to distant islands 
Or hit the sea bed 
Among fish and mermaids 
We´d lose our heads 
Oh what a happy shipwreck we could be 
Together 
Just say you'll love me 
Forever 
´Cause it's hard to be 
Just your friend 
When I yearn to cruise with 
You to the end 
You´re my dreamboat

Dreamboat begleitete Elisa mit Rhythmus-Hölzern, ein so einfaches Mittel, es klang aber herrlich.

Die meisten der Lieder stammten vom aktuellen Album, so auch 1959, das ein wenig nach Bar-Piano klang. Ach, ich verwende heute entsetzliche Vergleiche. Aber die sind alle als Kompliment gedacht, an Evripidis' Konzert war nämlich nichts nicht gut. Selbst die Todsünde, uns zum Mitklatschen bei Just a kleenex aufzufordern (und das in einer Kirche!), verzeihe ich den zwei echten  und dem einen Wahlspanier. "Macht doch bitte im Gospel-Stil mit, weil wir hier in der Kirche sind," forderte die Sängerin. "It's not exactly of a holy nature," ergänzte der Mann mit der Mütze. "You'll find out why!"

Bei Abroad, das von nicht mehr aktuellen Dingen wie Ferngesprächen aus Internet-Läden handelt, sangen drei, Evripidis, Elisa und die Säge, so schön!

"Das nächste Lied heißt It's always me. Ich habe es vor vielen Jahren geschrieben, als ich so sehr in diesen Typen verliebt war. Als es fertig war, hatte ich den schon wieder vergessen, also habe ich beschlossen, es dem Mann meines Lebens zu widmen. Mir. Ich musste nicht ein Wort im ganzen Song ändern!"


Ich hätte da noch ewig zuhören können. Nach Evripidis spielte Lilith Ai, eine Hip Hop Künstlerin, für die sprach, daß danach Mammoth Penguins in der schwer zugänglichen Kirche spielten. Aber deren 40 min hätten ruhig dem Trio aus Barcelona noch draufgeschlagen werden können. 

Letztes Lied war Our trash, auch das... irre! Das Stück handelte von einer Phase in seinem Leben, in der Evripidis Bettmensch war, sein Leben also auf seinem Bett verbrachte und um sich rum Abfall anhäufte, die Spuren dieses Lebens eben.

Daß das Konzert einer der Höhepunkte des Wochenendes werden würde, hatte ich erwartet, daß es so gut sein würde, allerdings nicht. Evripidis' Lebenskatastrophen sind sehr unterhaltsam und zusehenswert!

Setlist Evripidis and his Tragedies, Indietracks, Ripley:

01: The bluest summer
02: Fifteen again
03: We're so scared
04: Futile games in space and time
05: Dreamboat
06: 1959
07: Just a kleenex
08: Abroad
09: It's always me
10: Our trash




 

Konzerttagebuch © 2010

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